Potenzierung

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Der folgende Abschnitt weicht in der Gestaltung und im Stil bewußt vom enzyklopädischen Charakter ab, um einen Sachverhalt ausführlich zu erläutern, der sich nicht allein durch die Sammlung einiger Fakten verstehen läßt. Eine solche Erklärung hat nicht den Charakter einer Tatsachen-Aussage, sondern soll einen Verstehenshintergrund zur Einordnung von Fakten ermöglichen. Dabei spielen natürlich subjektive Einschätzungen eine Rolle, die dem/r zitierten Autoren/Autorin zuzuschreiben sind.

Unter Potenzieren versteht man die besondere Art, homöopathische Arzneimittel herzustellen.

Herstellungsprinzip

Homöopathische Arzneimittel werden hergestellt, indem man eine gründlich verriebene Substanz im Verhältnis 1:100 verdünnt und dann zehnmal rhythmisch verschüttelt, das heißt mit dem Fläschchen in der Hand auf eine feste Unterlage schlägt. Das ist die sogenannte Potenzierung. Potenzierte Mittel werden mit C und einer Zahl gekennzeichnet, die die Anzahl der durchgeführten Potenzierungsschritte (Verdünnung plus Verschüttelung) angibt. Bei einer „Lachesis C 12“ wäre also der Ausgangsstoff, das Gift der Buschmeister-Schlange, zwölf Mal im Verhältnis 1:100 verdünnt und jeweils rhythmisch verschüttelt worden.

Die Avogardo-Zahl

Man kann leicht nachrechnen, daß bei Potenzen oberhalb von C 12 kein Molekül der Ausgangssubstanz mehr vorhanden ist, weil die Avogadro’sche Konstante von 10-23 Molekülen im cm3 unterschritten wird. An dieser Tatsache entzünden sich immer wieder die wissenschaftlichen Gemüter, aber die Homöopathie ist keine chemische Therapieform. Ihre Wirkung beruht nicht auf den chemischen Inhaltsstoffen. Sonst wäre es ja völlig unsinnig, Potenzen bis in Millionenhöhe herzustellen. Schon die in der klassischen Homöopathie verwendeten häufigsten Potenzstufen C 30 und C 200 bewegen sich in Verdünnungsbereichen, in denen chemisch längst nichts mehr nachweisbar ist. Kein Homöopath wäre so dumm, diese Tatsache zu übersehen. Deshalb gehen die Diskussionen darüber, daß in den Mitteln „nichts drin“ sei, an der Sache vorbei. Man müßte schon behaupten wollen, jede denkbare Wirkung müsse immer chemisch sein. Das ist natürlich Unsinn. Chemisch gesehen lassen sich auch zwei Schallplatten oder zwei Bücher nicht unterscheiden und schon gar nicht auf den Sinn ihres Inhaltes überprüfen.

Information statt Chemie

Der Charakter einer homöopathischen Potenz ist eher der einer Information. Das homöopathische Arzneimittel gibt dem Organismus eine Mitteilung, einen geistigen Impuls, wie ein besseres Gleichgewicht eingestellt werden kann. Hahnemanns Vorstellung davon war, daß ein homöopathisches Mittel beim Kranken wie auch in der Arzneimittelprüfung beim Gesunden eine künstliche Krankheit hervorruft. Beim Kranken sei diese aber der bereits vorhandenen Krankheit so ähnlich, daß sie diese auslösche. Wir können dazu auch das moderne technische Bild der Resonanz zu Hilfe nehmen, um uns eine Vorstellung davon zu bilden. Ähnlichkeit als ein abgestimmtes Resonanzgeschehen. Oder wir können uns vorstellen, daß das homöopathische Mittel eine im Organismus vorhandene Information gleichsinnig (eben homöo-pathisch) so verstärkt, daß die Lebenskraft endlich richtig darauf reagieren kann. Alle diese Bilder und Verstehenshilfen haben gemeinsam, daß sie keine stoffliche oder energetische Wirkung, sondern eine Informationsübertragung annehmen. Damit wird auch verständlich, daß das Mittel in sehr kleinen und sehr seltenen Gaben verabreicht wird – je besser und genauer es wirkt, um so seltener. Es ist wie mit einem guten Rat: Wenn ich ihn im rechten Augenblick und auf passende Weise gebe, muß ich ihn nicht wiederholen. Wenn ich mehrmals laut schreien muß, stimmt mit meinem Rat etwas nicht. Was dann aufgrund eines solchen homöopathischen Impulses geschieht, ist die Eigenreaktion des Organismus, beziehungsweise der Dynamis, seiner Lebenskraft.

Potenzierung – die Befreiung von der Stofflichkeit

Hahnemann sah in der Potenzierung von Heilmitteln eine Möglichkeit, das Dynamische oder Geistartige eines Stoffes[1] zu verstärken und gleichzeitig durch Verdünnung die physischen Giftwirkungen zu reduzieren oder auszuschließen. Als Ursache einer Erkrankung sah er die Verstimmung der Lebenskraft eines Menschen, der „Dynamis“ wie er sie nannte. Deshalb sollte auch ein Heilmittel nicht direkt auf den physischen Körper wirken, sondern auf die Dynamis, deren Verstimmung sich äußerlich als „Krankheit“ zeigt. Diese Verstimmung kann verschiedene Ursachen haben, die natürlich auch abgestellt werden müssen. Aber für die Heilung ist hauptsächlich wichtig, wie diese Verstimmung ist, das heißt, wie ein Organismus (damit ist das Zusammenspiel von Körper, Lebenskraft, Seele und Geist gemeint) auf eine Situation, auf einen äußeren Reiz reagiert. Über das innere Wesen der Krankheit, so meinte Hahnemann, können wir eigentlich nichts wissen. Wir müssen uns an die Zeichen, an die Symptome halten, die der Mensch uns zeigt. In diesen äußert sich die Art, wie die Dynamis verstimmt ist und wie sie folglich geheilt werden kann. Die körperliche Ebene des Daseins ist in dieser Sichtweise Hahnemanns nur Träger von Zeichen; das Leben, Gesundheit und Krankheit spielen sich auf einer anderen Ebene ab, die wir aber nicht direkt wahrnehmen können. Hahnemanns Zeitgenosse Goethe formulierte: „Alles Vergängliche ist nur ein Gleichnis.“ Es ist also keineswegs eine Folge von Hahnemanns Unkenntnis der molekularen Vorgänge und der erst später entdeckten Avogadro´schen Zahl, daß er seine Potenzen in Verdünnungsbereiche brachte, in denen keine Stofflichkeit mehr übrig blieb. Vielmehr ist gerade dies das Prinzip seiner Heilmethode. Wie den Alchimisten geht es ihm darum, das Wesen oder den Geist einer Substanz von der groben Stofflichkeit zu befreien. Die Idee als solche ist uralt, aber sein Potenzierungsverfahren ist wohl eine echte Neuerfindung. Man kann sogar sagen, daß ein potenziertes Mittel um so länger, tiefer und intensiver wirkt, je höher die Potenz ist, je weiter von der Stofflichkeit entfernt.

Potenzierung – Zitate von Hahnemann

„Arznei-Stoffe sind nicht tote Substanzen in gewöhnlichem Sinne; vielmehr ist ihr wahres Wesen bloß dynamisch geistig - ist lautere Kraft ...“ (Hahnemann, Reine Arzneimittellehre, 6. Teil, S. 11)

„Es sind nicht die körperlichen Atome dieser hoch dynamisierten Arzneien noch ihre physische oder mathematische Oberfläche (womit man die höhern Kräfte der dynamisierten Arzneien, immer noch materiell genug, aber vergeblich deuteln will), vielmehr liegt unsichtbarer Weise in dem so befeuchteten Kügelchen oder in seiner Auflösung eine aus der Arznei-Substanz möglichst enthüllte und freigewordene, spezifische Arzneikraft, welche schon durch Berührung der lebenden Tierfaser auf den ganzen Organism dynamisch einwirkt (ohne ihm jedoch irgend eine, auch noch so fein gedachte Materie mitzuteilen) und zwar desto stärker, je freier und immaterieller sie durch die Dynamisation geworden war.“ (Hahnemann, Organon, § 11, Anm.) „Ungemein wahrscheinlich wird es hierdurch, daß die Materie mittels solcher Dynamisation (Entwicklung ihres wahren, inneren, arzneilichen Wesens) sich zuletzt gänzlich in ihr individuelles geistartiges Wesen auflöse und daher in ihrem rohen Zustande, eigentlich nur als aus diesem unentwickelten, geistartigen Wesen bestehend betrachtet werden könne.“ (Hahnemann, Organon, § 270, Anm. 7)

Hahnemann beschreibt die Potenzierung im Organon § 270 (gekürzt): „Um nun diese Kraft-Entwickelung am besten zu bewirken, wird ein kleiner Teil der zu dynamisierenden Substanz, etwa ein Gran, zuerst durch dreistündiges Reiben mit dreimal 100 Gran Milchzucker auf die unten angegebene Weise zur millionfachen Pulver-Verdünnung gebracht. Aus Gründen, die weiter unten angegeben sind, wird zuerst ein Gran dieses Pulvers in 500 Tropfen eines, aus einem Teile Branntwein und vier Teilen destilliertem Wasser bestehenden Gemisches aufgelöst und hievon ein einziger Tropfen in ein Fläschchen getan. Hiezu fügt man 100 Tropfen guten Weingeist und gibt dann dem, mit seinem Stöpsel zugepfropften Fläschchen, 100 starke Schüttelstöße mit der Hand gegen einen harten, aber elastischen Körper geführt. Dies ist die Arznei im ersten Dynamisations-Grade, womit man feine Zucker-Streukügelchen erst wohl befeuchtet, dann schnell auf Fließpapier ausbreitet, trocknet und in einem zugepfropften Gläschen aufbewahrt, mit dem Zeichen des ersten (I) Potenzgrades. Hievon wird nur ein einziges Kügelchen zur weitern Dynamisierung genommen, in ein zweites, neues Fläschchen getan (mit einem Tropfen Wasser, um es aufzulösen) und dann mit 100 Tropfen guten Weingeistes auf gleiche Weise, mittels 100 starker Schüttel-Stöße dynamisiert. Mit dieser geistigen Arznei-Flüssigkeit werden wiederum Streukügelchen benetzt, schnell auf Fließpapier ausgebreitet, getrocknet, in einem verstopften Glase vor Hitze und Tageslicht verwahrt und mit dem Zeichen des zweiten Potenz-Grades (II.) versehen. Und so fährt man fort, bis durch gleiche Behandlung ein aufgelöstes Kügelchen XXIX mit 100 Tropfen Weingeist, mittels 100 Schüttel-Stößen, eine geistige Arznei-Flüssigkeit gebildet hat, wodurch damit befeuchtete und getrocknete Streukügelchen den Dynamisations-Grad XXX erhalten. Durch diese Bearbeitung roher Arznei-Substanzen, entstehen Bereitungen, welche hiedurch erst die volle Fähigkeit erlangen, die leidenden Teile im kranken Organism treffend zu berühren und so durch ähnliche, künstliche Krankheits-Affektion dem in ihnen gegenwärtigen Lebensprinzip das Gefühl der natürlichen Krankheit zu entziehen. Durch diese mechanische Bearbeitung, wenn sie nach obiger Lehre gehörig vollführt worden ist, wird bewirkt, daß die, im rohen Zustande sich uns nur als Materie, zuweilen selbst als unarzneiliche Materie darstellende Arznei-Substanz, mittels solcher höhern und höhern Dynamisationen, sich endlich ganz zu geistartiger Arznei-Kraft subtilisiert und umwandelt, welche an sich zwar nun nicht mehr in unsere Sinne fällt, für welche aber das arzneilich gewordene Streukügelchen, schon trocken, weit mehr jedoch in Wasser aufgelöst, der Träger wird und in dieser Verfassung die Heilsamkeit jener unsichtbaren Kraft im kranken Körper beurkundet.“


Fußnoten:

  1. zur Bedeutung der Dynamis bei Hahnemann siehe ausführlich: Lang, Gerhardus: Dynamis und geistartige Heilmittel, in: Homöopathische Einblicke II, 1990, Berlin, ISSN 0937-745X