Organon der Heilkunst: Unterschied zwischen den Versionen

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Das Organon gilt als das Grundlagenwerk der Homöopathie.
 
Das Organon gilt als das Grundlagenwerk der Homöopathie.
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<span class="tm6">Während seiner Torgauer Zeit reifte Dr. Samuel Hahnemanns Hauptwerk aus und erschien 1810 als „Organon der rationellen Heilkunde“, das jedoch von der zweiten Auflage ab (1819) seinen Titel in „Organon der Heilkunst“ änderte. Es ist gewissermaßen die ausführlichere, in vielem ergänzte und auch abgeänderte „Heilkunde der Erfahrung“, die man „das kleine Organon“ nennen könnte.</span>
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<span class="tm6">Vor dem eigentlichen in Paragraphen eingeteilten Organon steht eine längere Einleitung, eine etwas umgearbeitete schon 1807 erschienene Arbeit „Fingerzeige auf den homöopathischen Gebrauch der Arzneien in der bisherigen Praxis“. Diese Einleitung beginnt mit der Bemerkung, man habe bisher die Krankheiten des Menschen nicht rationell kuriert, erst er habe den rechten Heilweg angegeben: “Wähle, um sanft, schnell und dauerhaft zu heilen, in jedem Krankheitsfalle eine Arznei, welche ein ähnliches Leiden (homoion pathos) vor sich erregen kann, als sie heilen soll (similia similibus curentur)!“ Hier findet sich zum ersten Male der volle Wortlaut des berühmten Satzes bei Hahnemann, während er sonst schon mehrfach „Similia similibus“ gesagt hat. Hahnemann gebraucht nur die Fassung mit „curentur“ und nicht „curantur“, es ist bei ihm nicht eine Aussage, sondern eine Forderung.</span><sup><span class="tm6"><ref>Rudolf Tischner, Das Werden der Homöopathie, 1950, Hippokrates Verlag Marquardt & Cie., Stuttgart, Seite 55</ref></span></sup>
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<span class="tm6">Der Begriff&nbsp;»rationelle«&nbsp;Heilkunde, den Hahnemann im Titel der ersten Auflage des >Organon< (1810) verwendete, erwies sich als zu vieldeutig und zu wenig abgrenzend. Hahnemann war sich durchaus bewußt, daß sich viele der oft in kurzen Zeitabständen aufeinanderfolgenden medizinischen Systeme ebenfalls als&nbsp;»rationelle Heilkunde «&nbsp;bezeichneten, da jeder ihrer Erfinder&nbsp;»die hochmüthige Meinung von sich hatte, er sei fähig, das innere Wesen des Lebens, wie des gesunden, so auch des kranken Menschen zu durchschauen und klar zu erkennen«.</span><sup><span class="tm6"><ref>Robert Jütte, Samuel Hahnemann - Begründer der Homöopathie, 2005, Deutscher Taschenbuch Verlag GmbH & Co. KG, München, Seite 86f</ref></span></sup>
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<span class="tm6">Schon ein oberflächlicher Blick auf die Entwicklung von Hahnemanns Organon läßt erkennen, daß die tragenden Mauern - Arzneimittelprüfung am Gesunden, Ahnlichkeitsgesetz, ausführliche Anamnese, erforderliche Kleinheit der Gaben und in einem gewissen Grade auch die traditionelle Diätetik - von Beginn an stehen. Dennoch erkennt man ebenfalls rasch, daß weder die Grundmauern noch das Gebäude selbst unverändert die Zeit überdauern.</span>
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<span class="tm6">Organon 1 ist der eigentliche Paukenschlag in Hahnemanns Werk. Hahnemann lehrt hier erstmals zusammenhängend alle wichtigen Pfeiler, die sein Konzept konstituieren. Es gab bereits Vorläuferschriften, die z.T. sogar wörtlich in die erste Auflage einfließen. So kompakt aber wie in dieser Veröffentlichung war die Homöopathie bisher noch nicht an die Öffentlichkeit getreten. Mit der ersten Organonauflage ist die Homöopathie gleichsam volljährig geworden. Dennoch fiel die öffentliche Reaktion sehr verhalten aus, vor allem im Vergleich mit der späteren Rezeption. Noch war Hahnemanns Konzept nur eine unbedeutende Stimme im großen und disharmonischen Chor der damals den Medizinmarkt überschwemmenden Systeme.</span>
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<span class="tm6">Hahnemann hatte also Zeit und Ruhe, seine Methode vergleichsweise unbeeinflußt weiterzuentwickeln. Das Ergebnis präsentiert Organon 2. Keine Auflage ist so radikal überarbeitet worden wie die erste. Die Neuerungen in der zweiten Auflage sind zahllos, angefangen vom Titel über das Motto bis hin zu vielfachen inhaltlichen Verbesserungen. Bemerkbar macht sich insbesondere auch die seit ca. 1816 zunehmende Beschäftigung Hahnemanns mit Natur und Behandlung der chronischen Krankheiten.</span>
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<span class="tm6">Mit der zweiten Auflage scheint Hahnemann zufrieden gewesen zu sein, da er sie kaum überarbeitet. Keine zwei Auflagen gleichen sich so sehr wie Organon 2 und Organon 3. Die wenigen Neuerungen beziehen sich fast ausschließlich auf Erforschung, Verlauf und Behandlung chronischer Erkrankungen. In einer Anmerkung zu § 156 deutet Hahnemann z.B. die Herausgabe der „Chronischen Krankheiten" an, und in einer Anmerkung zu § 220 spricht er sogar schon vom „innern Gebrauche der besten antipsorischen Mittel" - also noch vor Veröffentlichung der 1828 erschienenen ersten Auflage der „Chronischen Krankheiten"!</span>
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<span class="tm6">Eine umfangreiche Einarbeitung der dort gelehrten neuen Erkenntnisse aber geschieht erst in Organon 4. Die im Zusammenhang mit der Psora-Lehre vermutlich wichtigste Änderung ist die Einbeziehung der kausalen Betrachtungsweise in die Indikation. Nicht mehr nur die Gesamtheit der Symptome entscheidet nun darüber, welche Arznei gewählt werden soll, sondern auch die Ursache der zugrundeliegenden Krankheit, wozu vor allem Psora, Syphilis und Sykosis zählen.</span>
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<span class="tm6">In Organon 5 läßt sich die Mehrheit der Veränderungen auf zwei zusammenhängende Entwicklungen zurückführen . Zum einen nimmt Hahnemanns Auseinandersetzung mit seinen Schülern drastisch zu, zum anderen besteht die Tendenz, zur Gewährleistung innerhomöopathischer Stabilität therapeutische Normvorschriften festzusetzen. Als Regel lehrt Hahnemann das einmalige Riechen an einer C30, wobei allerdings nicht verschwiegen werden darf, daß er auch auf die Ausnahmen vermehrt eingeht.</span>
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<span class="tm6">Organon 5 ist die letzte Auflage, die unter Hahnemanns Augen erschienen ist. Aus den bekannten Gründen konnte das von Hahnemann für die sechste Auflage bearbeitete Manuskript erst 1921 von Richard Haehl herausgegeben werden. Die derzeit maßgeblichen Ausgaben beruhen auf der 1992 von Josef M. Schmidt herausgegebenen textkritischen Edition des Originalmanuskriptes. Man kann letztlich nicht wissen, ob ein von Hahnemann redigiertes Organon 6 tatsächlich den derzeit gültigen Veröffentlichungen seines Manuskriptes entsprochen hätte. Mittlerweile geht man sogar davon aus, daß Hahnemanns letzter Wille aller Wahrscheinlichkeit nach anders aussah. Es konnte z.B. gezeigt werden, daß er den weitaus größten Teil der Einleitung aus der fünften Auflage wahrscheinlich nicht zur Veröffentlichung in der sechsten Auflage vorgesehen hatte.</span>
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<span class="tm6">Die wichtigste Neuerung in Organon 6 ist sicherlich die genaue Beschreibung von Zubereitung (§ 270) und therapeutischer Anwendung der Q-Potenzen. Außerdem setzt sich Hahnemann in einer bis dahin nicht gekannten Ausführlichkeit mit verschiedenen Hilfsmitteln auseinander. Eines von ihnen, der Mesmerismus, kann sich sogar erstmals von der Homöopathie emanzipieren (§ 288).</span>
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<span class="tm6">Die Lehre vom Menschen: Die wichtigste Entwicklung betrifft sicherlich die stärkere Einbeziehung der Lebenskraft als physiologisches Erklärungsmodell. Ihr Wesen, ihre Aufgaben und ihre Grenzen werden immer genauer charakterisiert.</span>
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<span class="tm6">Die Lehre von der Krankheit: Zwei gravierende und miteinander verwandte Tendenzen prägen die Entwicklung der Krankheitslehre. Sie treten im Gegensatz zu den ansonsten meist kontinuierlich verlaufenden Entwicklungen scheinbar überraschend auf. In Organon 3, § 25, lehrt Hahnemann noch trotz gewisser Einschränkungen: „der Mensch bleibt in der Regel gesund". Im Zuge der Psora-Lehre aber ist ab Organon 4 der Mensch in der Regel zumindest latent chronisch krank! Die zweite Veränderung hängt ebenfalls mit der Psora-Lehre zusammen: In Organon 1 (§§ 20-22) lehrt Hahnemann noch, daß zu einem bestimmten Zeitpunkt jeweils nur eine einzige Krankheit im menschlichen Organismus bestehen kann. Ab Organon 2 aber können mehrere Krankheiten nebeneinander im Menschen existieren (§ -/35/35/35/40/40). Aus: „Der Mensch ist in der Regel gesund, und wenn er krank ist, dann hat er immer nur maximal eine einzige Krankheit" wird also: „Der Mensch ist in der Regel krank, wobei er gleichzeitig Läuse und Flöhe haben kann". Diese Entwicklung hängt freilich mit der Ausarbeitung der Lehre von der Natur und Therapie chronischer Krankheiten zusammen, die sich explizit erst in der vierten Auflage niederschlägt. Anhand der oben aufgelisteten Entwicklungen zeigt sich der Einfluß aber bereits deutlich früher.</span>
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<span class="tm6">Die Lehre von der Behandlung: Dieser Bereich ist natürlich das Kernstück von Hahnemanns Homöopathie-Konzept. Die ausgearbeitete Krankheitslehre hinterläßt deutliche Spuren. Die ursprünglich gelehrte Ausrichtung der Indikation ausschließlich an der Gesamtheit der Symptome erfährt eine Erweiterung um ein kausales Moment. Ab Organon 4 ist es für die Arzneimittelwahl wichtig, auch die Grundursache der Krankheiten, zumeist eine Ansteckung mit Psora, Syphilis oder Sykosis, zu kennen. Arzneien können von jetzt an nur noch dann auf den individuellen Krankheitsfall passen, wenn sie grundsätzlich in der Lage sind, die verursachende chronische Krankheit zu beheben. Gegen die Syphilis helfen also nur noch antisyphilitische Arzneien, gegen die Sykosis nur noch antisykotische und gegen die Psora schließlich nur noch antipsorische. Überhaupt fällt auf, dass eine detaillierte Beschreibung von Behandlungsvorschriften im Organon erst nach der Fertigstellung der Krankheitslehre erfolgt. Zuvor verweist Hahnemann in pharmakologischen und pharmazeutischen Fragen häufig auf die Reine Arzneimittellehre. In diesem Zusammenhang imponiert auch Hahnemanns Tendenz, von den ursprünglich arzneiabhängigen Vorschriften abzurücken und stattdessen besonders in Organon 5 allgemeinverbindliche Handlungsmaximen zu entwerfen. In Organon 6 jedoch weicht er von dieser Richtung wieder etwas ab.</span>
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<span class="tm6">Dann steht die individuelle Behandlung des Patienten mit den neu entwickelten Q-Potenzen im Vordergrund. Auch die in der sechster Auflage erstmals gelehrte „Spätverschlimmerung" ist eine wesentliche Neuerung gegenüber der bis dahin stets beschriebenen sogenannter homöopathischen Erstverschlimmerung.</span>
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<span class="tm6">Aspekte der Interaktion: Wie schon angedeutet, herrschen zwei miteinander verwandte Tendenzen vor. Hahnemann setzt sich besonders ab Organon 5 im Zuge des Streites mit den Leipziger „Halb-</span>
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<span class="tm6">Homöopathen" verstärkt mit seiner Schülerschaft auseinander. Gleichzeitig nehmen die Warnungen vor der Schädlichkeit jedweder allöopathischen Behandlung zu. Gerade im Zusammenhang mit Hahnemanns Kritik an Schülern und anderen Ärzten wird deutlich, daß das Organon nicht im luftleeren Raum, sondern in einem konkreten medizinhistorischen Kontext entstanden ist. Da Hahnemann hiervon implizit und explizit beeinflußt wurde, ist eine Kenntnis des Umfeldes für ein genaues Verständnis unerlässlich und bewahrt vor voreiligen Interpretationen.</span><sup><span class="tm6"><ref>Organon-Synopse, Die 6 Auflagen von 1810 - 1842 im Überblick, Bearbeitet und herausgegeben von Bernhard Luft und Matthias Wischner, Karl F. Haug Verlag, Heidelberg, 2001, Seite XIf</ref></span></sup>
  
 
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Aktuelle Version vom 7. Juli 2019, 22:46 Uhr

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Organon = Werkzeug. Im 1810 veröffentlichten „Organon der (rationellen) Heilkunst“ hat Hahnemann beschrieben, wie er die Homöopathie verstanden und angewandt wissen wollte. Spätere Auflagen tragen den Titel „Organon der Heilkunst“. Es gibt 6 Auflagen. Die Jüngste wurde erst nach seinem Tod veröffentlicht.

Das Organon gilt als das Grundlagenwerk der Homöopathie.

 

Während seiner Torgauer Zeit reifte Dr. Samuel Hahnemanns Hauptwerk aus und erschien 1810 als „Organon der rationellen Heilkunde“, das jedoch von der zweiten Auflage ab (1819) seinen Titel in „Organon der Heilkunst“ änderte. Es ist gewissermaßen die ausführlichere, in vielem ergänzte und auch abgeänderte „Heilkunde der Erfahrung“, die man „das kleine Organon“ nennen könnte.

 

Vor dem eigentlichen in Paragraphen eingeteilten Organon steht eine längere Einleitung, eine etwas umgearbeitete schon 1807 erschienene Arbeit „Fingerzeige auf den homöopathischen Gebrauch der Arzneien in der bisherigen Praxis“. Diese Einleitung beginnt mit der Bemerkung, man habe bisher die Krankheiten des Menschen nicht rationell kuriert, erst er habe den rechten Heilweg angegeben: “Wähle, um sanft, schnell und dauerhaft zu heilen, in jedem Krankheitsfalle eine Arznei, welche ein ähnliches Leiden (homoion pathos) vor sich erregen kann, als sie heilen soll (similia similibus curentur)!“ Hier findet sich zum ersten Male der volle Wortlaut des berühmten Satzes bei Hahnemann, während er sonst schon mehrfach „Similia similibus“ gesagt hat. Hahnemann gebraucht nur die Fassung mit „curentur“ und nicht „curantur“, es ist bei ihm nicht eine Aussage, sondern eine Forderung.[1]

 

Der Begriff »rationelle« Heilkunde, den Hahnemann im Titel der ersten Auflage des >Organon< (1810) verwendete, erwies sich als zu vieldeutig und zu wenig abgrenzend. Hahnemann war sich durchaus bewußt, daß sich viele der oft in kurzen Zeitabständen aufeinanderfolgenden medizinischen Systeme ebenfalls als »rationelle Heilkunde « bezeichneten, da jeder ihrer Erfinder »die hochmüthige Meinung von sich hatte, er sei fähig, das innere Wesen des Lebens, wie des gesunden, so auch des kranken Menschen zu durchschauen und klar zu erkennen«.[2]

 

Schon ein oberflächlicher Blick auf die Entwicklung von Hahnemanns Organon läßt erkennen, daß die tragenden Mauern - Arzneimittelprüfung am Gesunden, Ahnlichkeitsgesetz, ausführliche Anamnese, erforderliche Kleinheit der Gaben und in einem gewissen Grade auch die traditionelle Diätetik - von Beginn an stehen. Dennoch erkennt man ebenfalls rasch, daß weder die Grundmauern noch das Gebäude selbst unverändert die Zeit überdauern.

 

Organon 1 ist der eigentliche Paukenschlag in Hahnemanns Werk. Hahnemann lehrt hier erstmals zusammenhängend alle wichtigen Pfeiler, die sein Konzept konstituieren. Es gab bereits Vorläuferschriften, die z.T. sogar wörtlich in die erste Auflage einfließen. So kompakt aber wie in dieser Veröffentlichung war die Homöopathie bisher noch nicht an die Öffentlichkeit getreten. Mit der ersten Organonauflage ist die Homöopathie gleichsam volljährig geworden. Dennoch fiel die öffentliche Reaktion sehr verhalten aus, vor allem im Vergleich mit der späteren Rezeption. Noch war Hahnemanns Konzept nur eine unbedeutende Stimme im großen und disharmonischen Chor der damals den Medizinmarkt überschwemmenden Systeme.

 

Hahnemann hatte also Zeit und Ruhe, seine Methode vergleichsweise unbeeinflußt weiterzuentwickeln. Das Ergebnis präsentiert Organon 2. Keine Auflage ist so radikal überarbeitet worden wie die erste. Die Neuerungen in der zweiten Auflage sind zahllos, angefangen vom Titel über das Motto bis hin zu vielfachen inhaltlichen Verbesserungen. Bemerkbar macht sich insbesondere auch die seit ca. 1816 zunehmende Beschäftigung Hahnemanns mit Natur und Behandlung der chronischen Krankheiten.

 

Mit der zweiten Auflage scheint Hahnemann zufrieden gewesen zu sein, da er sie kaum überarbeitet. Keine zwei Auflagen gleichen sich so sehr wie Organon 2 und Organon 3. Die wenigen Neuerungen beziehen sich fast ausschließlich auf Erforschung, Verlauf und Behandlung chronischer Erkrankungen. In einer Anmerkung zu § 156 deutet Hahnemann z.B. die Herausgabe der „Chronischen Krankheiten" an, und in einer Anmerkung zu § 220 spricht er sogar schon vom „innern Gebrauche der besten antipsorischen Mittel" - also noch vor Veröffentlichung der 1828 erschienenen ersten Auflage der „Chronischen Krankheiten"!

Eine umfangreiche Einarbeitung der dort gelehrten neuen Erkenntnisse aber geschieht erst in Organon 4. Die im Zusammenhang mit der Psora-Lehre vermutlich wichtigste Änderung ist die Einbeziehung der kausalen Betrachtungsweise in die Indikation. Nicht mehr nur die Gesamtheit der Symptome entscheidet nun darüber, welche Arznei gewählt werden soll, sondern auch die Ursache der zugrundeliegenden Krankheit, wozu vor allem Psora, Syphilis und Sykosis zählen.

 

In Organon 5 läßt sich die Mehrheit der Veränderungen auf zwei zusammenhängende Entwicklungen zurückführen . Zum einen nimmt Hahnemanns Auseinandersetzung mit seinen Schülern drastisch zu, zum anderen besteht die Tendenz, zur Gewährleistung innerhomöopathischer Stabilität therapeutische Normvorschriften festzusetzen. Als Regel lehrt Hahnemann das einmalige Riechen an einer C30, wobei allerdings nicht verschwiegen werden darf, daß er auch auf die Ausnahmen vermehrt eingeht.

 

Organon 5 ist die letzte Auflage, die unter Hahnemanns Augen erschienen ist. Aus den bekannten Gründen konnte das von Hahnemann für die sechste Auflage bearbeitete Manuskript erst 1921 von Richard Haehl herausgegeben werden. Die derzeit maßgeblichen Ausgaben beruhen auf der 1992 von Josef M. Schmidt herausgegebenen textkritischen Edition des Originalmanuskriptes. Man kann letztlich nicht wissen, ob ein von Hahnemann redigiertes Organon 6 tatsächlich den derzeit gültigen Veröffentlichungen seines Manuskriptes entsprochen hätte. Mittlerweile geht man sogar davon aus, daß Hahnemanns letzter Wille aller Wahrscheinlichkeit nach anders aussah. Es konnte z.B. gezeigt werden, daß er den weitaus größten Teil der Einleitung aus der fünften Auflage wahrscheinlich nicht zur Veröffentlichung in der sechsten Auflage vorgesehen hatte.

Die wichtigste Neuerung in Organon 6 ist sicherlich die genaue Beschreibung von Zubereitung (§ 270) und therapeutischer Anwendung der Q-Potenzen. Außerdem setzt sich Hahnemann in einer bis dahin nicht gekannten Ausführlichkeit mit verschiedenen Hilfsmitteln auseinander. Eines von ihnen, der Mesmerismus, kann sich sogar erstmals von der Homöopathie emanzipieren (§ 288).

 

Gliedert man Hahnemanns Konzept in die vier oben genannten Grundpfeiler, ergeben sich Hinweise auf die im folgenden nur grob skizzierten Entwicklungslinien.

 

Die Lehre vom Menschen: Die wichtigste Entwicklung betrifft sicherlich die stärkere Einbeziehung der Lebenskraft als physiologisches Erklärungsmodell. Ihr Wesen, ihre Aufgaben und ihre Grenzen werden immer genauer charakterisiert.

 

Die Lehre von der Krankheit: Zwei gravierende und miteinander verwandte Tendenzen prägen die Entwicklung der Krankheitslehre. Sie treten im Gegensatz zu den ansonsten meist kontinuierlich verlaufenden Entwicklungen scheinbar überraschend auf. In Organon 3, § 25, lehrt Hahnemann noch trotz gewisser Einschränkungen: „der Mensch bleibt in der Regel gesund". Im Zuge der Psora-Lehre aber ist ab Organon 4 der Mensch in der Regel zumindest latent chronisch krank! Die zweite Veränderung hängt ebenfalls mit der Psora-Lehre zusammen: In Organon 1 (§§ 20-22) lehrt Hahnemann noch, daß zu einem bestimmten Zeitpunkt jeweils nur eine einzige Krankheit im menschlichen Organismus bestehen kann. Ab Organon 2 aber können mehrere Krankheiten nebeneinander im Menschen existieren (§ -/35/35/35/40/40). Aus: „Der Mensch ist in der Regel gesund, und wenn er krank ist, dann hat er immer nur maximal eine einzige Krankheit" wird also: „Der Mensch ist in der Regel krank, wobei er gleichzeitig Läuse und Flöhe haben kann". Diese Entwicklung hängt freilich mit der Ausarbeitung der Lehre von der Natur und Therapie chronischer Krankheiten zusammen, die sich explizit erst in der vierten Auflage niederschlägt. Anhand der oben aufgelisteten Entwicklungen zeigt sich der Einfluß aber bereits deutlich früher.

 

Die Lehre von der Behandlung: Dieser Bereich ist natürlich das Kernstück von Hahnemanns Homöopathie-Konzept. Die ausgearbeitete Krankheitslehre hinterläßt deutliche Spuren. Die ursprünglich gelehrte Ausrichtung der Indikation ausschließlich an der Gesamtheit der Symptome erfährt eine Erweiterung um ein kausales Moment. Ab Organon 4 ist es für die Arzneimittelwahl wichtig, auch die Grundursache der Krankheiten, zumeist eine Ansteckung mit Psora, Syphilis oder Sykosis, zu kennen. Arzneien können von jetzt an nur noch dann auf den individuellen Krankheitsfall passen, wenn sie grundsätzlich in der Lage sind, die verursachende chronische Krankheit zu beheben. Gegen die Syphilis helfen also nur noch antisyphilitische Arzneien, gegen die Sykosis nur noch antisykotische und gegen die Psora schließlich nur noch antipsorische. Überhaupt fällt auf, dass eine detaillierte Beschreibung von Behandlungsvorschriften im Organon erst nach der Fertigstellung der Krankheitslehre erfolgt. Zuvor verweist Hahnemann in pharmakologischen und pharmazeutischen Fragen häufig auf die Reine Arzneimittellehre. In diesem Zusammenhang imponiert auch Hahnemanns Tendenz, von den ursprünglich arzneiabhängigen Vorschriften abzurücken und stattdessen besonders in Organon 5 allgemeinverbindliche Handlungsmaximen zu entwerfen. In Organon 6 jedoch weicht er von dieser Richtung wieder etwas ab.

Dann steht die individuelle Behandlung des Patienten mit den neu entwickelten Q-Potenzen im Vordergrund. Auch die in der sechster Auflage erstmals gelehrte „Spätverschlimmerung" ist eine wesentliche Neuerung gegenüber der bis dahin stets beschriebenen sogenannter homöopathischen Erstverschlimmerung.

 

Aspekte der Interaktion: Wie schon angedeutet, herrschen zwei miteinander verwandte Tendenzen vor. Hahnemann setzt sich besonders ab Organon 5 im Zuge des Streites mit den Leipziger „Halb-

Homöopathen" verstärkt mit seiner Schülerschaft auseinander. Gleichzeitig nehmen die Warnungen vor der Schädlichkeit jedweder allöopathischen Behandlung zu. Gerade im Zusammenhang mit Hahnemanns Kritik an Schülern und anderen Ärzten wird deutlich, daß das Organon nicht im luftleeren Raum, sondern in einem konkreten medizinhistorischen Kontext entstanden ist. Da Hahnemann hiervon implizit und explizit beeinflußt wurde, ist eine Kenntnis des Umfeldes für ein genaues Verständnis unerlässlich und bewahrt vor voreiligen Interpretationen.[3]

 

Weblinks

Online-Versionen:

 

 

  1. Rudolf Tischner, Das Werden der Homöopathie, 1950, Hippokrates Verlag Marquardt & Cie., Stuttgart, Seite 55
  2. Robert Jütte, Samuel Hahnemann - Begründer der Homöopathie, 2005, Deutscher Taschenbuch Verlag GmbH & Co. KG, München, Seite 86f
  3. Organon-Synopse, Die 6 Auflagen von 1810 - 1842 im Überblick, Bearbeitet und herausgegeben von Bernhard Luft und Matthias Wischner, Karl F. Haug Verlag, Heidelberg, 2001, Seite XIf